4.1 Arbeiten zu Ferdinand de Saussure
Meine Arbeiten zu Saussure haben nicht unwesentlich zu einem grundsätzlichen Wandel der lange dominierenden Saussure-Wahrnehmung beigetragen, die Saussure über den seiner Autorschaft zugeschriebenen ›Cours de linguistique générale‹ als Begründer des Strukturalismus und als ›Vater‹ der modernen Linguistik ansah. Ein zentraler Gegenstand meiner Forschung bestand seit der Dissertationsschrift von 1975 [Zu einer historischen Rekonstruktion der authentischen Sprachidee F. de Saussures.] in der Untersuchung des sprach- und zeichentheoretischen Denkens Saussures anhand autographischer Quellen und unabhängig vom Paradigma der strukturalistischen Rezeption des ›Cours de linguistique générale‹.
Dabei wurden im Zuge meiner Arbeiten drei Thesen argumentativ erhärtet:
- Von dem strukturalistischen Saussure, der ein Ex-post-Produkt seiner Rezeption darstellt, muß ein ›authentischer‹ Saussure unterschieden werden, der tatsächlich der Autor seiner (publizierten und unpublizierten) Texte ist.
- Dieser ›authentische‹ Saussure ist nicht nur nicht der Autor des ›Cours‹, er wäre auch ein entschiedener Kritiker des ihm zugeschriebenen sog. strukturalistischen ›point de vue saussurien‹ gewesen, auf den der Strukturalismus sich beruft.
- Die Sprachidee des authentischen Saussure stellt auch gegenwärtig noch eine gewichtige Stimme in den Paradigmenauseinandersetzungen zwischen strukturalistisch-kognitivistischen und hermeneutisch-phänomenologischen Sprachtheorien dar.
Mit Bezug auf meine frühen Arbeiten (insbesondere Jäger 1975, 1976) stellt Thomas M. Scheerer in seiner Saussure-Monografie 1980 fest: „Es muß seither streng zwischen dem ›Cours‹ nebst dessen Rezeption und dem authentischen Saussure unterschieden werden“ (Thomas M. Scheerer: Ferdinand de Saussure. Rezeption und Kritik, Wissenschaftliche Buchgesellschaft: Darmstadt 1980, 138). Rudolf Engler, der Herausgeber der kritischen Ausgabe des ›Cours‹, bewertet in seiner ›Bibliographie saussurienne‹ meinen Aufsatzes von 1976, in dem die zentralen Ergebnisse und grundsätzlichen Positionen meiner Dissertation (Jäger 1975) zusammenfassend dargestellt werden als eine „exzellente Analyse“, die zwar ›zu streng sei bezüglich des CLG, aber korrekt im Hinblick auf ihre theoretischen Aussagen‹ (R. Engler: Bibliographie Saussurienne, CFS 33 (1979), 113f.). Jürgen Trabant betrachtet es in seiner Rezension meiner Saussure-Monographie von 2010 als das „Verdienst [von Jäger], „dass er uns seit mehr als dreißig Jahren gezeigt hat, dass es einen Saussure jenseits des Cours gibt und dass dieser Saussure einer der schärfsten Kritiker eines Werkes ist, das als sein Hauptwerk gilt, das er aber nicht selbst geschrieben hat. [Jürgen Trabant: Saussure contre le Cours. (Sur Ludwig Jäger, Ferdinand de Saussure zur Einführung, 2010). In: François Rastier (Hg.): De l’essence double du langage et le renouveau du Saussurisme, Limoges: Éditions Lambert-Lucas, 173-182]. Inzwischen ist es, zumindest in der kritischen Saussureforschung, ein Gemeinplatz, „que les auteurs du CLG sont Charles Bally et Albert Sechehaye, et non pas Ferdinand de Saussure“ (vgl. Claudia Mejía: Rudolf Engler. L’ouvrage d’un philologue artiste. In: CFS 58 (2005), 13). Auch zu meiner These, dass Saussures Denken nicht – wie lange behauptet wurde – in der Tradition der positivistischen Sprachwissenschaft des auslaufenden 19. Jahrhunderts, sondern in der hermeneutischen Tradition Humboldts, Schleiermachers und Diltheys stünde, hat Rudolf Engler nach langem Zögern 2001 festgestellt, dass einige der 1996 in der Orangerie des Saussureschen Stadtpalais in Genf neu aufgefundene Notizen, insbesondere die zu »Divination – Induction« „nach meiner Ansicht die Annahme eines Einflusses der Tradition Schleiermacher-Dilthey, den besonders Ludwig Jäger postuliert hat (erhärten)“ [Rudolf Engler : Entre Bally, Spitzer,… Saussure. In CFS (54) 2001, 77].
Ich gebe im Folgenden einen Überblick über meine Saussure-Arbeiten.
- Ludwig Jäger/Andreas Kablitz (Hg.) (2023b): Ferdinand de Saussure et l’épistémè structuraliste. Saussure und die strukturalistische Episteme Berlin/Boston: Walter de Gruyter 2023.
- Ludwig Jäger/Andreas Kablitz (2023c): Einleitung. Saussure et l’épistémè structuraliste. In: Jäger/Kablitz 2023, S. 1-5.
- Ludwig Jäger (2022d): Le ›mythe‹ du Cours. Saussure et la légende de la naissance du structuralisme. In: Jäger/Kablitz 2023, S. 103-130.
- Ludwig Jäger (2023e): Saussure und Freud. Das semiologische ›Unbewusste‹ und die ›unbewusste‹ Semiologie. In: Jäger/Kablitz 2022, S. 131-173.
- Ludwig Jäger (2019c): »La pensée du maître«. Saussure, der Cours und die Frühgeschichte des Strukturalismus. In: Expérience et Avenir du Structuralisme/Vergangenheit und Zukunft des Strukturalismus/Past and Prospects of Structuralism. Préparé par Tomáš Hoskovec In: Travaux du Cercle linguistique de Prague, nouvelle série, volume 8, S. 369-399.
- Ludwig Jäger (2018c): Saussure in Leipzig. Die Genese seines sprachtheoretischen Denkens aus dem Horizont von Philologie und komparatistischer Sprachwissenschaft. In: Wolfgang Asholt, Ursula Bähler, Bernhard Hurch, Henning Krauß, Kai Nonnenmacher (Hg.): Engagement und Diversität. Frank-Rutger Hausmann zum 75. Geburtstag. Romanische Beihefte 4. München: AVM-Akademische Verlagsgemeinschaft, S. 241-257.
- Ludwig Jäger (2018e): Mythos Cours. Saussures Sprachidee und die Gründungslegende des Strukturalismus. In: Martin Endres/Leonhard Herrmann (Hg.): Strukturalismus, heute. Brüche, Spuren, Kontinuitäten. Stuttgart: J.B. Metzler, S. 11-28
- Ludwig Jäger (Hg.) (2018g): Ferdinand de Saussure. Wissenschaft der Sprache. Neue Texte aus dem Nachlaß. Hrsg. und mit einer Einleitung versehen von Ludwig Jäger. Frankfurt a.M.: Suhrkamp [Zweite Auflage].
- Ludwig Jäger (2016a): Pyramide und Ballon. Zeichenoberflächen bei Hegel und Saussure. In: Christina Lechtermann, Stefan Rieger (Hg.): Das Wissen der Oberfläche. Episteme des Horizontalen und Strategien der Benachbarung. Zürich: diaphanes, S. 13-28.
- Ludwig Jäger (2016f): La science du langage: Les notes de l’orangerie et leur signification pour la théorie saussurienne du langage. In: François Rastier (Hg.): De l’essence double du langage et le renouveau du Saussurisme, Limoges: Éditions Lambert-Lucas, 47-77 [Nachdruck von Jäger 2013c; der Band ist insgesamt ein Nachdruck von Arena Romanistica. Journal of Romance Studies, Bergen 12 (2013), S. 48-84.]
- Ludwig Jäger (2014c): Die sakrosankte ›Vulgata‹. Peter Wunderli übersetzt und kommentiert den ›Cours de linguistique générale‹. In: ZGL 42.1, S. 72-99.
- Ludwig Jäger (2013a): Strukturalismus war nicht die Parole. Rezension von Peter Wunderli: Ferdinand de Saussure: Cours de linguistique générale. Zweisprachige Ausgabe französisch-deutsch mit Einleitung, Anmerkung und Kommentar. Tübingen : Narr 2013. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) Nr. 44, 21.2.2013, S. 30.
- Ludwig Jäger (2013c): La science du langage: Les notes de l’orangerie et leur signification pour la théorie saussurienne du langage. In: Arena Romanistica. Journal of Romance Studies, Bergen 12, S. 48-84. [Französische Übersetzung von Jäger 2003g; die Zeitschrift enthält außerdem Jürgen Trabants Rezension von Jäger 2010k]
- Ludwig Jäger (2012h): Der assoziative Sprachapparat. Anmerkungen zu Saussure und Freud. In: Sprache und Literatur 43 (1), S. 36-51.
- Ludwig Jäger (2011c): 'Points délicats'. Ein panchronisches Gespräch zwischen Sybille Krämer und Ferdinand de Saussure. In: Drehmomente. Philosophische Reflexionen für Sybille Krämer, Berlin [Festschrift als Website].
- Ludwig Jäger (2010h): Saussure und der Strukturalismus. Bemerkungen zum Anfang des Endes einer Liaison. In: Hans-Harald Müller, Andreas Gardt, Marcel Lepper (Hg.): Strukturalismus in Deutschland: Literatur- und Sprachwissenschaft 1910-1975. Göttingen: Wallstein, S. 102-124.
- Ludwig Jäger (2010k): Ferdinand de Saussure. Zur Einführung. Hamburg: Junius (4.2 Ferdinand de Saussure zur Einführung - Rezensionen) Das Buch gibt eine Einführung in die Theorie des Genfer Sprachwissenschaftlers Ferdinand de Saussure. Auf der Grundlage einer auf neuen Quellen basierten intellektuellen Biographie kontrastiert das Buch den ›öffentlichen‹ strukturalistischen Saussure, dessen Wirkung auf die zeitgenössische Linguistik nachhaltig war, mit einem noch immer weithin unbekannten Autor gleichen Namens, dessen Werk aus den vorliegenden handschriftlichen Texten und den Vorlesungsmitschriften der Genfer Schüler rekonstruiert wird.
- Ludwig Jäger (2009b): Aposème und Diskurs. Saussures performatives Sprachdenken ‚avant la lettre'. In: Angelika Linke, Helmuth Feilke (Hg.): Oberfläche und Performanz. Untersuchungen zur Sprache als dynamische Gestalt. Tübingen: Niemeyer, S. 217-232.
- Ludwig Jäger (2008d): Aposème und Parasème – Das Spiel der Zeichen. Saussures semiologische Skizzen in den ‚Notes‘. In: Zeitschrift für Semiotik 30 (1-2). Themenheft: Medialität und Sozialität sprachlicher Zeichen, hg. von Jan Georg Schneider, S. 49-71.
- Ludwig Jäger (2006a): Strukturelle Parasitierung. Anmerkungen zur Autoreflexivität und Iterabilität der sprachlichen Zeichenverwendung. In: Roger Lüdeke, Inka Mülder-Bach (Hg.): Wiederholen. Literarische Funktionen und Verfahren. Göttingen: Wallstein, S. 9-40.
- Ludwig Jäger)/Mareike Buss/Lorella Ghiotti (Hg.) (2003a : [Textes de Saussure] "Notes sur l'accentuation lituanienne". In: Simon Bouquet (Hg.): Cahier de l'Herne Ferdinand de Saussure. Paris: Éditions de l'Herne, S. 323-350.
- Mareike Buss, Lorella Ghiotti, Ludwig Jäger (Hg.) (2003b): [Textes de Saussure] "Lettres de Leipzig, 1875-1880." In: Simon Bouquet (Hg.): Cahier de l'Herne Ferdinand de Saussure. Paris: Éditions de l'Herne, S. 442-472.
- Mareike Buss, Lorella Ghiotti, Ludwig Jäger (2003c): "Bibliographie choisie, raisonnée et annotée." In: Simon Bouquet (Hg.): Cahier de l’Herne. Ferdinand de Saussure. Paris: Éditions de l'Herne, S. 505-525.
- Ludwig Jäger (2003d): La pensée épistemologique de F. de Saussure. In: Simon Bouquet (Hg.): Cahier de l’Herne Ferdinand de Saussure. Paris: Éditions de l’Herne, S. 202-219.
- Ludwig Jäger (Hg.) (2003g): Ferdinand de Saussure. Wissenschaft der Sprache. Neue Texte aus dem Nachlaß. Hrsg. und mit einer Einleitung versehen von Ludwig Jäger. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
- Ludwig Jäger (2003h): Wissenschaft der Sprache. Einleitender Kommentar zu den Notizen aus dem Gartenhaus. In: Ludwig Jäger (Hg.) (2003g), S. 11-55.
- Mareike Buss. Ludwig Jäger (2003j): Le saussurisme en Allemagne au XXº siècle. In: Cahiers Ferdinand de Saussure 56, S. 133-154.
- Ludwig Jäger (2001b): Neurosemiologie. Das transdisziplinäre Fundament der Saussureschen Sprachtheorie. In: Cahiers Ferdinand de Saussure 54, S. 289-337.
- Ludwig Jäger (2001c): Zeichen/Spuren. Skizzen zum Problem der Zeichenmedialität. In: Georg Stanitzek, Wilhelm Voßkamp (Hg.): Schnittstelle: Medien und kulturelle Kommunikation. Köln: DuMont, S. 17-31.
- Ludwig Jäger (1998b): Das Verhältnis von Synchronie und Diachronie in der Sprachgeschichtsforschung. In: Werner Besch, Anne Betten, Oskar Reichmann, Stefan Sonderegger (Hg.): Sprachgeschichte. Ein Handbuch zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Erforschung, 2. überarbeitete Auflage. Berlin, New York, Erster Teilband, S. 816-824.
- Ludwig Jäger (1996f): Die Internationalisierung der Linguistik und der strukturalistische Purismus der Sprache. Ein Plädoyer für eine hermeneutisch-semiologische Erneuerung der Sprachwissenschaft. In: Lutz Danneberg, Friedrich Vollhardt (Hg.): in Zusammenarbeit mit Hartmut Böhme und Jörg Schönert, Wie international ist die Literaturwissenschaft? Stuttgart, Weimar, S. 243-282.
- Ludwig Jäger (1990c): Die semiologische Kritik des linguistischen Segmentalismus. Die Sprachidee F. de Saussures und die kognitivistische Herausforderung der Linguistik. In: Publications du Cercle Ferdinand de Saussure, I, "Présence de Saussure", Actes du Colloque International de Genève (21.-23. Mars 1988), publiés par René Amacker, Rudolf Engler. Genève, S. 73-86.
- Ludwig Jäger (1988e): Notizen zu einer semiologischen Ästhetik. In: Theo Buck (Hg.): Festschrift für Rudi Schönwald. Aachen, S. 69-90.
- Ludwig Jäger/Christian Stetter (1986a) (Hg.): Zeichen und Verstehen. Akten des Aachener Saussure-Kolloquiums 1983. Aachen.
- Ludwig Jäger (1986b): Der saussuresche Begriff des Aposème als Grundlagenbegriff einer hermeneutischen Semiologie. In: Ludwig Jäger/Christian Stetter (1986a), S. 7-33.
- Ludwig Jäger (1984a): Ferdinand de Saussure. Genese, Rezeption und Aktualität seiner Sprachtheorie. In: Sprache und Literatur in Wissenschaft und Unterricht (SuL) 54, S. 19-30.
- Ludwig Jäger (1984b): Das Verhältnis von Synchronie und Diachronie in der Sprachgeschichtsforschung. In: Werner Besch, Oskar Reichmann, Stefan Sonderegger (Hg.): Sprachgeschichte. Ein Handbuch zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Erforschung. Berlin, New York, Erster Halbband, S. 711-720.
- Ludwig Jäger (1983a): Notizen zu einer Theorie des Zeichenwandels. In: Sprache und Literatur in Wissenschaft und Unterricht (SuL) 52, S. 59-68.
- Ludwig Jäger (1980a): Linearität und Zeichensynthesis. In: Fugen. Deutsch-Französisches Jahrbuch für Textanalytik 1980. Olten und Freiburg i.Br., S. 187-212.
- Ludwig Jäger (1978): F. de Saussures semiologische Begründung der Sprachtheorie. In: Zeitschrift für Germanistische Linguistik (ZGL) 6.1, S. 18-30.
- Ludwig Jäger (1977b): Saussure-Kritik ohne Text-Kritik? Anmerkungen zu einem exemplarischen Kritik-Klischee. In: Zeitschrift für Germanistische Linguistik (ZGL) 5.3, S. 298-312.
- Ludwig Jäger (1977c): Zu einer hermeneutischen Begründung der Sprachtheorie. Historisch-systematische Skizze. In: Germanistische Linguistik (GL) 5-6, S. 1-78.
- Ludwig Jäger (1976): F. de Saussures historisch-hermeneutische Idee der Sprache. In: Linguistik und Didaktik (LuD) 27, S. 210-244.
- Ludwig Jäger (1975): Zu einer historischen Rekonstruktion der authentischen Sprachidee F. de Saussures. Diss. Düsseldorf.