3.2 Die Schneider/Schwerte-Debatte

Die Schneider/Schwerte-Debatte entstand im Gefolge eines unfreiwilligen Outings. Am 27.04.1995 ging beim Kanzler der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen ein Schreiben ein, in dem sich der 1978 in den Ruhestand versetzte Germanistik-Professor und ehemalige Rektor der RWTH Aachen (1970-1973), Prof. Dr. Hans Schwerte, selbst bezichtigte, unter seinem wahren Namen Hans Ernst Schneider zwischen 1938 und 1945 im Rahmen der ›SS-Forschungs- und Lehrgemeinschaft ›Ahnenerbe‹‹, tätig gewesen zu sein – zuletzt als SS-Hauptsturmführer und ›leitender Sachbearbeiter‹ des Ahnenerbe-Zentral-Referats ›Germanischer Wissenschaftseinsatz‹. Das ›SS-Ahnenerbe‹ hatte den satzungsmäßigen Auftrag, „Raum, Geist und Tat des nordischen Indogermanentums“ zu erforschen und die Ergebnisse dieser ›Forschung‹ für die Ideologiepolitik in den sog. ›randgermanischen Ländern‹ – etwa für die Einwerbung von Freiwilligen für die Waffen-SS – nutzbar zu machen. Allgemein bestand das Ziel des ›Kulturreferates‹ der SS darin, „die politische Macht der SS auch auf den Bereich des geistigen Lebens auszudehnen“ (Michael. H. Kater). Neben seiner ›geistes- und kulturwissenschaftlichen‹ Sparte befasste sich das Ahnenerbe in einer 1942 gegründeten Abteilung „Zentralstelle für wehrwissenschaftliche Zweckforschung“ u. a. mit der Planung, Finanzierung und Exekutierung medizinischer Menschenexperimente in Konzentrationslagern (Dachau, Natzweiler-Struthof), bei denen hunderte von KZ-Häftlingen auf grausame Weise zu Tode kamen. Hans Ernst Schneider war hier, neben seiner kulturpolitischen Ahnenerbe-Aktivität, verantwortlich an der Akquise benötigter medizinischer Geräte in niederländischen Universitäten beteiligt, wobei er vorgab – was angesichts der quellenbelegten Umstände seiner Involviertheit (vgl. Jäger 1998, 132-150) – außerordentlich unwahrscheinlich ist, keine Kenntnis von den Zwecken gehabt zu haben, denen die Beschaffung dieser Geräte diente. Schwerte, an den 1965 der Ruf auf den Lehrstuhl für Neuere Deutsche Literaturgeschichte der damals gerade im Aufbau befindliche Philosophische Fakultät der RWTH ergangen war, kam mit seinem Brief der Veröffentlichung von Recherchebefunden der Sendung „Brandpunt“ des niederländischen Fernsehens zuvor, die am Tag nach dem Eingang seiner brieflichen Selbstbezichtigung die Doppelbiographie des Germanisten öffentlich machte. Wenige Tage nach dieser Aufdeckung sprühten Studierende auf den Eingang des Aachener Germanistischen Instituts, an das ich vier Jahre nach der Emeritierung Schwertes als Nachfolger seines ebenfalls emeritierten linguistischen Kollegen, Hans Glinz, berufen worden war, den Satz: „Hier betreten Sie antisemitisches Gelände“. Nicht zuletzt dieser Satz führte zu dem Entschluss, den Fall Schneider/Schwerte in einer quellengestützten Rekonstruktion, bei der mich Kolleginnen unterstützten, aufzuarbeiten. Die ersten Ergebnisse dieser Recherche stellte ich im Dezember 1995 – zunächst in einem Vortrag an der RWTH – und dann 1996 in einer Aufsatzpublikation [Germanistik eine deutsche Wissenschaft. Das Kapitel Schneider/Schwerte] sowie 1998 nach weiteren Recherchen in einer Monographie [Seitenwechsel. Der Fall Schneider/Schwerte und die Diskretion der Germanistik] der Öffentlichkeit vor. Meine Forschungsbefunde gerieten rasch in das Zentrum einer größeren öffentlichen Debatte, in der eine Fülle weiterer Publikationen, u. a. die drei Monate nach meinem Buch publizierte Monographie von Claus Leggewie [Von Schneider zu Schwerte: Das ungewöhnliche Leben eines Mannes, der aus der Geschichte lernen wollte] erschien. Im Fokus dieser Debatte stand neben der Frage nach der Diskretion und stillen Mitwisserschaft um die Doppelidentität Schneider/Schwertes in dessen germanistisch-kollegialem, universitären und politischen Umfeld die zentrale Frage, ob es sich bei Schwertes Löschung seiner Schneider-Identität, bei der Tilgung und Überschreibung seiner NS-Biographie, um eine Form der Erinnerungsverweigerung und Vergangenheitsverdrängung, oder aber – wie seine apologetischen Fürsprecher vortrugen – um eine Form der kritische Selbstdistanzierung handele. Der Namens- und Identitätswechsel, in dessen Verlauf Schneider/Schwerte von einem leitenden SS-Kultur- und Wissenschaftsideologen zu einem linksliberalen Germanistikprofessor mutierte, ist etwa von Claus Leggewie in seinem Buch eine ›Selbstentnazifizierung‹ bzw. von Klaus Weimar in einer Rezension meines Buches eine ›Distanzierung von der eigenen Vergangenheit, wie sie radikaler nicht möglich sei‹, genannt worden. Mein Buch vertritt dagegen die These, dass die lange Phase der Umorientierung nach 1945 ebensowenig dafür spricht, daß Schneider/Schwertes biographische ›Wertkorrektur‹ (Hans Rössner) selbstinduziert war, wie im Verbergen und stillschweigenden Überschreiben des ersten Lebens durch ein zweites bundesrepublikanisches Leben tatsächlich eine Distanznahme von seiner NS-Biographie erblickt werden kann. Sie war allenfalls, wie Walter Müller-Seidel formulierte, „ein Widerruf ohne Stimme“. [Vgl. hierzu etwa Leggewie 1998, Weimar 1999 sowie meine Replik auf Weimar (Jäger 2000)]. Ich gebe im Folgenden bibliographische Hinweise auf diese Debatte.

  • Ludwig Jäger: Germanistik eine deutsche Wissenschaft. Das Kapitel Schnei-der/Schwerte. In: Sprache und Literatur (SuL) 77, Themenheft: Der Fall Schneider/Schwerte. 27. Jg. 1996, 5-47.
  • Rezension hierzu: Hermann Kurzke (1996): Germanisten unter Hitler. Aus deutschen Zeitungen: Wie aus Hans Ernst Schneider Professor Schwerte wurde. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) 28.10.1996).
  • Ludwig Jäger: Germanistik - eine deutsche Wissenschaft. Das Kapitel Hans Ernst Schneider. In: Helmut König/Wolfgang Kuhlmann/Klaus Schwabe (Hg.): Vertuschte Vergangenheit. Der Fall Schwerte und die NS-Vergangenheit der deutschen Hochschulen. München 1997, S. 31-45.
  • Ludwig Jäger: Seitenwechsel. Der Fall Schneider/Schwerte und die Diskretion der Germanistik. München: Fink 1998.

Bezugspublikationen, Rezensionen und Repliken (Auswahl)

  • Claus Leggewie: Von Schneider zu Schwerte: Das ungewöhnliche Leben eines Mannes, der aus der Geschichte lernen wollte. Stuttgart: Hanser 1998.
  • Matthias Hinrichs: Neue Turbulenzen im Fall „Schwerte“. Kapitel-Streichungen: TH-Professoren kontern. In: Aachener Zeitung 01.09.1998.
  • Fritz Göttler: Aus dem Schneider. Warum Claus Leggewies neuem Buch ein Kapitel fehlt. In: Süddeutsche Zeitung 02.09.1998.
  • Torsten Casmir (1998):Was tun mit dem „geraunten Wissen“? Zwei Bücher haben den Fall um den Aachener Altrektor Schwerte mit SS-Vergangenheit wiederbelebt. In: Aachener Nachrichten, 03.09.1998 .
  • Heinz Schlaffer (1998): Archiv des Bösen. Schwerte zu Schneidern: Die Wissenschaft hat einen Fall. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ), 09.09.1998.
  • Ludger Lütkehaus (1998): Echte Wandlung oder echte Spaltung, das ist die Frage. Claus Leggewie und Ludwig Jäger interpretieren die NS-Vergangenheit des Germanisten Schwerte/Schneider. In: Frankfurter Rundschau (FR), 12.09.1998.
  • Stich ins Wespennest. In: Der Spiegel 38/1998, 14.09.1998, 84-88
  • Lutz Hachmeister (1998): Schneider und die Detektive. Ein Gespräch mit Ludwig Jäger und Claus Leggewie zum Fall Schneider-Schwerte. In: „Büchermarkt“, DeutschlandRadio, 14.09.1998.
  • Stephan Krass (1998): Rezension von: Ludwig Jäger: Seitenwechsel. Der Fall Schneider/Schwerte und die Diskretion der Germanistik; Helmut König: Der Fall Schwerte im Kontext; Claus Leggewie Von Schneider zu Schwerte. In: DeutschlandRadio „Büchermarkt“ 14.09.1998.
  • Ulrich Greiner (1998): Der Mann mit allzu vielen Eigenschaften. Ein deutscher Fall: Der SS-Mann Hans Ernst Schneider, der zum Demokraten Hans Schwerte wurde. In: Die Zeit, 17.09.1998.
  • Bruno Preisendörfer (1998): Deutsches Doppelleben. Zwei neue Biografien zum Fall Schneider/Schwerte streiten um den richtigen Umgang mit der Vergangenheit. In: Die Woche, 18.09.1998.
  • Hermann Horstkotte (1998): Die Spur der Lüge. Der Philologe Ludwig Jäger und der Politologe Claus Leggewie zeichnen ein Bild des Aachener Altrektors Schwerte und dieses Jahrhunderts. In: Rheinischer Merkur, 18.09.1998.
  • Jürgen Deppe: Der Fall Schneider/Schwerte, N 3 Bücherjournal, 21.09.1998, 22:30.
  • Isabell. Siemes (1998): Vom Schweigen. Der Fall Schneider/Schwerte. Die Biographien von Ludwig Jäger und Claus Leggewie präsentieren unterschiedliche Sichtweisen von Täterbiographien unterm Nazismus: Wissender Akteur oder unbedarftes Opfer. In: die tageszeitung (taz), 29.09.1998.
  • Hermann Horstkotte (1998): Die doppelte Karriere. In: Deutsche Universitätszeitung (DUZ) 19/1998, 10-12.
  • Mechthild Küpper: Stiefel behalten, Vergangenheit verleugnen. Claus Leggewie entdeckt sein Talent, tüchtige Männer zu preisen. In: Süddeutsche Zeitung, 07.10.1998.
  • M. Schwering (1998): Abgrund eines Namenswechsels. Der Nazi-Intel­lektuelle als Linksliberaler – Zwei Bücher über einen Skandal. In: Kölner Stadt-Anzeiger, 20.10.1998.
  • Frank Gerstenberg (1998): Fader Nazi sucht bedeutungsvolle Biographie. Zwei Bücher zum Fall Schneider/Schwerte und zwei Interpretationen, die nicht zusammenkommen. In: Süddeutsche Zeitung, 26.10.1998.
  • Armin Himmelrath (1998): Ein deutsches Hochschul-Leben. Der Fall 'Schwerte/Schneider'. In: Unicum 11/98, 14.
  • Lutger Lütkehaus über Ludwig Jägers Buch 'Seitenwechsel'. In: Journal für Literatur, Radio Bremen, 20.12.1998.
  • Bernd Witte (1998): Vom `Wissenschaftseinsatz´ zur Germanistik. Ernst Schneider wird zu Hans Schwerte. In: Die Neue Gesellschaft. Frankfurter Hefte, Bd.12 (1998), 1128-1132.
  • Heidrun Kämper: Nach-Gedacht. Schneider/Schwerte, die Geschichtsschreibung und die Öffentlichkeit.. In: SPRACHREPORT. Informationen und Meinungen zur deutschen Sprache, herausgegeben vom Institut für Deutsche Sprache, Heft 1/1999, 14-17.
  • Ralf Schröder (1999): Bruder Schneider. Ein Fall von Komplizenschaft oder ein Vorbild deutscher Demokratisierung? Drei Veröffentlichungen zum SS-Mann und Germanistikprofessor Schneider/Schwerte kommen zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen. In: Jungle World Nr. 3, 13.01.1999.
  • Jochen Hörisch (1999): Die Fatalität des Guten. Bücher über einen SS-Mann, der zu einem andern wurde. In: Neue Zürcher Zeitung, 14.01.1999.
  • Klaus Weimar (1999): Schneider/Schwerte und die Germanistik und Ludwig Jäger. In: Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken, Heft 5, 53. Jg Mai, 445-453
  • [Replik auf Klaus Weimar] Ludwig Jäger: „Bannen und zur Ruhe bringen“. Klaus Weimar, die Historiographie und der Fall Schwerte/Schneider. In: „Sprache und Literatur“ (Sul) 85 (2000), 117-132.
  • Bernhard Brunner: Vom SS-Mann zum Professor. Neue Untersuchungen zum Fall Schneider/Schwerte /Deutsche Vergangenheitspolitik. In: Fuldaer Zeitung 15. Mai 1999.
  • Clemens Vollnhals: (Sammelrezension) Claus Leggewie: Von Schneider zu Schwerte. Das ungewöhnliche Leben eines Mannes, der aus der Geschichte lernen wollte, München 1998; Ludwig Jäger: Seitenwechsel. Der Fall Schneider/Schwerte und die Diskretion der Germanistik, München 1998; Helmut König (Hg.): Der Fall Schwerte im Kontext, Opladen 1998. In: Jahrbuch Extremismus & Demokratie, 11 (1999), 419-420.
  • Hans Eichner: Der Fall Schneider/Schwerte. — Helmut König/Wolfgang Kuhlmann/Klaus Schwabe (Hgg.), Vertuschte Vergangenheit. Der Fall Schwerte und die NS-Vergangenheit der deutschen Hochschulen. — Helmut König (Hg.), Der Fall Schwerte im Kontext. — Ludwig Jäger, Seitenwechsel. Der Fall Schneider/Schwerte und die Diskretion der Germanistik. — Claus Leggewie, Von Schneider zu Schwerte. Das ungewöhnliche Leben eines Mannes, der aus der Geschichte lernen wollte. In: Arbitrium. Zeitschrift für Rezensionen zur germanistischen Literaturwissenschaft, 3/1999, 259-264.
  • Hansjoachim Hoffmann: Sammelrezension von: Klaus-Detlev Godau-Schüttke: Die Heyde/Sawade-Affäre; Ludwig Jäger: Seitenwechsel. Der Fall Schneider/Schwerte und die Diskretion der Germanistik, München 1998; Helmut König (Hg.): Der Fall Scherte im Kontext. (1998). In: Informationen für den Geschichts- und Gemeinschaftskundelehrer, Heft 58/1999, 96-99.
  • Marcus Gärtner (1999): Schwerte und das Schwertische. Neue Literatur zur Kriegs- und Nachkriegsgermanistik. In: Zeitschrift für Germanistik, Neue Folge 2, 412-420.
  • Hans Reiss, The Case of Hans Schwerte, The German Response to a Murky Tale, in: Oxford German Studies 29, 2000, 181- 216.
  • Hans Reiss (2001): Der Fall Schwerte. Die Rezeption einer trüben Geschichte. In: Sprache und Literatur (SuL) 1/2001.
  • Frank-Rutger Hausmann (2001): Der Schwerte-Mythos. In: Scientia Poetica 5, 164-182. Biographie Hans Ernst Schneider/Hans Schwerte
  • Ludwig Jäger (2007): „Hans Ernst Schneider/Hans Werner Schwerte“. In: Neue Deutsche Biographie. Hg. v. d. Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 23. Berlin: Duncker&Humblot, 296-298. Vorträge zum Fall Schneider/Schwerte (Auswahl)
  • Ludwig Jäger (07.12.1995): „Germanistik eine deutsche Wissenschaft? Das Kapitel Schneider/Schwerte“. RWTH Aachen.
  • Ludwig Jäger (22.02.1997): „Der Berufungsvorgang Schwerte in Aachen“. Vortrag im Rahmen des Wissenschaftlichen Kolloquiums der Philosophischen Fakultät der RWTH Aachen zum Fall Schneider/Schwerte. 21.-23.02.1997, Kurt-Schumacher-Akademie Bad Münstereifel.
  • Ludwig Jäger (13.05.1997): „Schneider wird Schwerte. Kontrafaktur als Prinzip“. Vortrag im Rahmen der Konferenz „›Verwandlungszone‹? Nationalsozialistische Eliten in der Nachkriegszeit“ des Wissenschaftszentrums Nordrhein-Westfalen. 12.-13.05. 1997. Düsseldorf.
  • Ludwig Jäger (01.12.2006): „Dr./Dr. Schneider/Schwerte: Biographie­fälschung und akademisches Fehlverhalten“. Vortrag im Rahmen der Tagung „Fehlverhalten und Qualitätssicherung in den Wissenschaften“, Humboldt-Universität Berlin.